
Interview+Bericht
Streetart ist salonfähig geworden und bei Sammlern immer begehrter. Steht das im Widerspruch zur ursprünglichen Intention? SZENE HAMBURG sprach mit dem Galeristen und Kenner Jörg Heikhaus

Häuserwände zu Tafelbildern
Streetart ist salonfähig geworden und bei Sammlern immer begehrter. Steht das im Widerspruch zur ursprünglichen Intention? SZENE HAMBURG sprach mit dem Galeristen und Kenner Jörg Heikhaus
SZENE HAMBURG: Wie ist das Phänomen des Erfolgs von Graffiti-Künstlern auf dem Kunstmarkt zu erklären - geht es immer so spektakulär zu wie bei Banksy, dessen Wände gestohlen werden und der Rekordpreise in Auktionshäusern erzielt?
JÖRG HEIKHAUS: Banksy hat ja mittlerweile einen Händler, über den kann man seine Arbeiten tatsächlich kaufen, das ist auch der einzige Kontakt zu ihm. Und ich glaube, das Besondere ist, dass er einer der ganz wenigen Grafitti~Künstler ist, bei denen man tatsächlich nicht weiß, wer dahinter steckt. Es ist eine spektakuläre Geschichte, die nicht unbedingt in Relation zu der aktuellen Grafitti-Bewegung steht. Außerdem passiert das Ganze in London, wo ohnehin gerade ein unglaublicher Hype um diesen ganzen Bereich herrscht. Da muss man nur in die Einladung schreiben, dass es eine Verbindung zu Street-Art und zu Banksy gibt, und schon kommen die Leute und kaufen die Ausstellung leer. Diese Hysterie gibt es bei uns ja gar nicht.
Sie vertreten selber äußerst erfolgreich Künstler aus diesem Bereich wie Neasden Control Centre, 56K und Boris Hoppek. Was ist das Geheimnis?
Boris Hoppek wird gerade in den USA, weil man ihn da gar nicht so als Sprayer kennt, nicht direkt in diese Ecke gestellt, sondern da fällt er tatsächlich in erster Linie durch seinen sehr eigenwilligen Stil auf.
Deshalb frage ieh speziell nach den Reaktionen in Amerika, weil da ja eigentlich mehr als hier political correctness eingefordert wird - die Hoppek ja nicht unbedingt liefert?
Die Amerikaner gehen wesentlich unverkrampfter mit Boris' Werk um. Also in Köln auf der Messe haben Mütter ihre Kinder weggezogen, wenn sie auf die große Vagina zugegangen sind. Und in Miami und New York waren die Leute sofort dicht dran - klar, es gibt immer Leute, die sich daran stören - aber die, die sich damit auseinander gesetzt haben, haben überwiegend positiv reagiert. Wir haben in den USA auch sehr viel von ihm verkauft, wo weder Boris noch ich vorher von ausgegangen sind. Als Person tritt Boris eher in den Hintergrund. Er ist keiner, der sich selber groß nach vorne pusht oder in die erste Reihe stellt. Er ist ein stiller, sehr zurückhaltender Mensch. Das wird hier in Deutschland schon mal missverstanden.
Ist es nicht ein Widerspruch, aus der Illegalität des SprayerDaseins auf den Kunstmarkt oder in die Werbung zu gelangen - sozusagen von der Anarchie zur Affirmation?
Ich finde, man muss das Ganze pragmatischer sehen. Ein großer Teil der bekannten Künstler verdient immer noch weniger als ein Bankangestellter. Dass die Werbung jetzt seit ungefähr zwei Jahren unglaublich auf diesen Stil abfährt, wird sich auch irgendwann überholen, da sollen die Künstler jetzt ruhig eine Weile davon profitieren. Für keinen der um die 30-jährigen Grafitti-Künstler stand wohl die Motivation, viel Geld zu verdienen, am Anfang, denn als die alle angefangen haben, schien es noch unmöglich, das jemals in eine Galerie zu bringen.
Was für einen Stellenwert hat die Streetart in einer Künstler-Biografie?
Eine Streetart·Vergangenheit oder ·Gegenwart steht dafür, dass sich jemand auf der Straße durchgesetzt bat. Man muss sich da noch hocharbeiten und kommt nicht durch Namedropping eines Professoren oder einer Institution weiter. Man hat eine Auseinandersetzung mit der Szene und natürlich auch mit der Justiz. Eine gewonnene Glaubwürdigkeit ist auch leicht wieder verspielt. Leute wie 56K oder Boris haben diese Auseinandersetzung geführt, führen sie noch.
Warum ist diese Kunst für Sammler interessant?
Ich glaube, da kommen viele Dinge zusammen. Sie ist vor allem die wohl zeitgenössischste Form der Gegenwartskunst, die wir momentan erfahren. Sie entsteht nicht in einem Inkubator oder einem Labor und ist auch nicht nur einigen wenigen zugänglich, sie entsteht im öffentlichen Raum. Sie repräsentiert junge Kunst von heute mit einer vollkommen eigenen Stimme und von hoher Qualität, was für Sammlungen ja immens wichtig ist. Sie ist auch durchaus richtig da, wo sie jetzt ankommt, auf Messen, auf Ausstellungen, in Museen. Sie muss sich aber auch auf der Straße weiterentwickeln und darf nicht von dort verschwinden, nur weil sie jetzt auch in Galerien ist.
INTERVIEW: JULIA MUMMENHOFF
Julia Mummenhoff
ist Kunstredakteurin der SZENE HAMBURG
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Barcelona kommt nach Hamburg. Und zwar in Gestalt der Iguapop Galerie, die Ende des Monals im heliumcow. boyartspace das Ende der Sommerpause glanzvoll einläutet. Die beiden Galerien verbindet außer gemeinsamen Bar-Abenden auf Messen ein ähnliches Programm, denn ihre Künstler sind einer

Miss Van: Poupee
neuen, urbanen Ästhetik verpflichtet, die unter anderem in der Steeet-Art wurzelt (siehe auch Interview Seite 93). Iguapop reist mit Arbeiten von Miss Van, Mike Swaney, Sergio Mora, Rai Escale, Catalina Estrada, Victor Castillo, Blami und Adolf Gil an, die zwar international bekannt sind, aber noch nie hier gezeigt wurden. Miss Van, die eigentlich aus Toulouse stammt und mit ihren "Poupees" auf dem Kunstmarkt extrem hoch gehandelt wird, sowie Vietor Castillo erscheinen höchstpersönlich, um die Gestaltung der Galerieräume zu übernehmen.


